INTERVIEW MIT MARC LARMINAUX, ARTISTIC AND CREATIVE DIRECTOR BEI LALIQUE
Über die Kollektion Air de Lalique – Chapter II
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Wie gestalten Sie persönlich den Dialog zwischen einem über hundertjährigen Erbe und einer zeitgenössischen Designsprache?
Bei Lalique ist das Erbe nichts, worauf wir lediglich zurückblicken – es ist etwas, mit dem wir täglich arbeiten. Als Artistic and Creative Director sehe ich meine Aufgabe nicht darin, die Vergangenheit zu bewahren, sondern sie lebendig zu halten. Für mich ist das Erbe ein Vokabular, keine Einschränkung. Die Herausforderung besteht darin, den Geist historischer Kreationen zu verstehen und ihn mit den heutigen Sensibilitäten, Materialien und Lebensweisen neu zu interpretieren. Wenn dieser Dialog ehrlich geführt wird, wird das Erbe ganz selbstverständlich zeitgenössisch.
Was bedeutet „Luft“ für Sie als Designer – jenseits ihrer poetischen Symbolik?
Luft ist paradox. Sie ist unsichtbar und formt dennoch alles um uns herum. Für mich steht Luft für Bewegung, Übergang und Emotion – all das sind grundlegende Elemente des kreativen Prozesses. Das Gestalten mit dem Thema Luft erlaubt es uns, Leichtigkeit ohne Fragilität zu erforschen, Präsenz ohne Gewicht. Es lädt dazu ein, nicht nur Formen zu entwerfen, sondern Empfindungen zu schaffen und Emotionen auszulösen.
Worin lag die kreative Herausforderung, innerhalb von Chapter II eine Kohärenz zwischen so unterschiedlichen Ausdrucksformen zu schaffen?
Die Herausforderung lag nicht in der formalen Kohärenz, sondern in der Kohärenz der Intention. Leuchten, dekorative Objekte und ein Kristall-Parfumflakon sind sehr unterschiedliche Typologien – und doch können sie dieselbe emotionale Sprache sprechen. Chapter II wird durch die Idee der Luft als in Kristall eingefangene Bewegung vereint – sei es durch Licht, Illusion oder das Gefühl von Schwerelosigkeit. Jedes Objekt hat seine eigene Stimme, doch alle gehören zur selben Erzählung.
Wie unterschied sich Ihr Ansatz beim Entwurf von Lichtobjekten im Vergleich zur Gestaltung dekorativer Kristallobjekte wie Alizé?
Licht bringt eine zusätzliche Dimension ins Spiel: die Zeit. Eine Leuchte verändert sich je nach Nutzung, je nach Raum und im Verlauf des Tages. Bei Alizé ging es nicht darum, ein Objekt zu gestalten, das betrachtet wird, sondern eine Atmosphäre, die erlebt wird.
Das Licht entsteht im Inneren des Objekts und nicht von aussen. Es erweckt den Kristall zum Leben und verwandelt zugleich den Raum. Kristall wird zum Medium für Licht – nicht zum Selbstzweck –, beinahe wie ein Textil, das den Raum durch Luminosität formt.
Wie entscheiden Sie, ob ein Design verspielt und neo-pop oder zeitlos und traditionsverbunden sein soll?
Das ist niemals eine rationale Entscheidung, sondern eine emotionale. Teddy Air verkörpert Zärtlichkeit und Nostalgie, während Papillons an Lalique’s naturverbundene Tradition anknüpft. Beides sind legitime Ausdrucksformen der Maison. Lalique hat sich stets zwischen Kühnheit und Poesie bewegt. Der Schlüssel liegt in der Aufrichtigkeit: Ist die Intention klar, findet der Ton ganz von selbst seinen Platz.
Warum spielt Illusion eine so zentrale Rolle in der zeitgenössischen Designsprache von Lalique?
Illusion ist tief in der Geschichte von Lalique verwurzelt. Bereits René Lalique spielte mit Transparenz, Licht und Wahrnehmung. Heute erlaubt uns die Illusion, Emotionen statt wörtlicher Formen auszudrücken – ein scheinbar aufgeblähtes Volumen, eine in Kristall erstarrte Bewegung, schwebendes Licht. Illusion lädt den Betrachter ein, innezuhalten, das Gesehene zu hinterfragen und etwas jenseits des Objekts zu empfinden.
Wie nähern Sie sich der Gestaltung eines Kristall-Parfumflakons wie Rêverie, der Duft, Handwerkskunst und Sammelwert vereinen muss?
Ein Parfumflakon ist ein stiller Erzähler. Er muss das Unsichtbare ausdrücken – den Duft. Bei Rêverie arbeiteten wir mit Höhe und Vertikalität, sodass das Licht die goldenen Nuancen des Extraits enthüllen kann. Der wolkenförmige Verschluss evoziert einen traumhaften Zustand, einen in der Luft schwebenden Moment. Sammelwert entsteht durch Präzision, Zurückhaltung und Bedeutung – niemals durch Übermass.
Wie beeinflusst die Neuinterpretation der Tourbillons-Vase Ihre Zukunftsvision, ohne Sie in der Vergangenheit zu verankern?
Tourbillons ist keine Erinnerung – es ist eine lebendige Ikone. Ihre Neuinterpretation erinnert uns daran, warum Lalique existiert: um Natur, Bewegung und Licht in Kristall zu verwandeln. Das hundertjährige Jubiläum ist kein nostalgischer Rückblick, sondern eine Bekräftigung unserer Relevanz. Das Werk von Suzanne Lalique wirkt heute bemerkenswert modern – und genau das gibt uns das Vertrauen, weiterhin mutig zu gestalten.
Wo sehen Sie heute Innovation bei Lalique – in der Form, der Technik oder der Erzählung?
Innovation entsteht dort, wo alle drei zusammenkommen. Die Technik bleibt essenziell, doch wirkliche Innovation entfaltet sich erst dann, wenn das Handwerk einer zeitgenössischen Erzählung dient. Heute innovieren wir, indem wir neu denken, wie Kristall mit Licht, Raum und Emotion interagiert. Es geht weniger darum, neue Werkzeuge zu erfinden, als vielmehr darum, neue Fragen zu stellen und eine neue Sprache zu entwickeln.
Was sollen die Menschen Ihrer Meinung nach über Lalique verstehen, nachdem sie die Kreationen des Jahres 2026 als Ganzes erlebt haben?
Ich hoffe, sie verstehen, dass Lalique nicht durch eine einzelne Epoche oder einen bestimmten Stil definiert ist. Es ist eine lebendige Maison, die sich in ihrer Zeit weiterentwickelt und dabei tief in ihren Werten verwurzelt bleibt. Die Kreationen von 2026 bringen unsere Überzeugung zum Ausdruck, dass wahrer Luxus in Emotion, Zeit und Bedeutung liegt – darin, das Flüchtige in etwas Dauerhaftes zu verwandeln.